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„Osama – Der Film, den es bis jetzt nicht geben konnte“ Afghanistan 2003
Bundesweiter Kinostart: 15. Januar 2004
Frauen durften in Afghanistan nur vermummt und in Begleitung einer männlichen Person auf die Straße. Was aber, wenn die einzige männliche Person in der Familie als „Märtyrer“ gestorben ist und die verbliebenen weiblichen Familienmitglieder vom Hunger bedroht sind, weil Frauen keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen dürfen? Unter dem Regime der Taliban war dieses Schicksal kein Einzelfall. Dabei ist die namenlose Mutter (Zubaida Sahar) ausgebildete Krankenschwester. Da es keine Männer mehr in der Familie gibt, die sie begleiten können, kann sie nicht einmal mehr heimlich ihrem Beruf nachgehen. Da hilft nur der Griff zur Schere. Zum einen werden der zwölfjährigen Tochter (Marina Golbahari) die Haare abgeschnitten, und dann die Kleidung des verstorbenen Ehegatten zur Kleidung für einen Jungen gekürzt. Aus der namenlosen Tochter wird so der kleine Osama. Das traumatisierte Mädchen ist dieser Aufgabe aber kaum gewachsen. Die Taliban werden auf „ihn“ aufmerksam und schicken das Kind zwangsweise in die sogenannte Koranschule . Dort wird es zum „Gotteskrieger“ erzogen und erhält Wehrertüchtigung. Osama hat dabei ein großes Problem. Als Mädchen hat er nie schreiben gelernt oder andere Privilegien genossen, die männlichen Kindern vorbehalten sind. Als der Schwindel eines Tages auffliegt, kommt sie vor ein Scharia-Gericht. Dort muss sie der Erschießung eines westlichen Filmemachers zusehen, der unliebsame Bilder gedreht hat. Sie wird Zeuge, wie eine Frau zum Tode durch Steinigung verurteilt wird. Sie entgeht ihrem eigenen Todesurteil nur durch die Intervention eines ältlichen Mullahs, der sie zur Frau nimmt. Der sperrt sie in ein Zimmer seines Hauses ein. In Zukunft wird die Zwölfjährige wie seine anderen Frauen den erniedrigenden Gelüsten des alten Mannes ausgeliefert sein. So endet der Film.
Eckdaten zur jüngeren Geschichte Afghanistans
Afghanistan war einmal eine erbliche Monarchie, die sich tapfer gegen die Anfang des 20. Jahrhunderts existierenden Weltmächte behauptete. 1973 kommt es jedoch zu einem Putsch und Afghanistan wird Republik. Es folgen blutige Auseinandersetzungen, die 1978 kommunistisch orientierte Militärs an die Macht bringen. Diese rufen nun den anti-kommunistischen Widerstand auf den Plan, der von den USA, dem Iran und Pakistan unterstützt wird. 1979 bittet daraufhin der afghanische Präsident Amin die Sowjetunion um Hilfe gegen die Widerstandskämpfer, womit ein zehnjähriger Besatzungskrieg beginnt. Erst 1989 ziehen sich die Sowjets erfolglos aus dem zerstörten Land zurück, das inzwischen 1,5 Millionen Tote und 1 Million Invalide zu beklagen hat. 1992 wird der Islamische Staat Afghanistan proklamiert, doch die zerstrittenen Regierungsparteien können keinen Frieden halten. Erst als 1994 von Pakistan aus die Taliban ins Land eindringen, finden die Bandenkriege ein Ende und es kehrt so etwas wie Ruhe ein. 1996 erobern die Taliban die Hauptstadt Kabul und errichten im Namen des Islam eine strenge Herrschaft. Die Widerstandsgruppen müssen sich in den Norden zurückziehen, wo sie die Nordallianz bilden. Nach dem Terroranschlag im September 2001 auf die USA unterstützt der amerikanische Präsident Bush die Nordallianz und vertreibt mit deren Hilfe die Taliban aus weiten Teilen des Landes.
Der Filmemacher
Nur vor diesem Hintergrund ist die bewegte Lebensgeschichte von Siddiq Barmak verständlich. Der Regisseur, Autor und Cutter des Films wurde 1962 in Afghanistan geboren und erlangte sein Diplom im Fach Regie 1987 an der Universität Moskau. 1989 kehrt er in seine Heimat zurück und kämpft dort für die Mudschaheddin in Nordafghanistan. Danach zieht er sich kurzfristig nach Pakistan zurück. 1992 kehrt er nach Kabul zurück, wo er Direktor der staatlichen Filmproduktion und des Filmarchivs „Afghanfilm“ ist. 1996 kapituliert Kabul vor den Taliban und Barmak flüchtet nach Pakistan. Nach der Befreiung Kabuls wird er wieder in sein altes Amt eingesetzt, das er seitdem bekleidet. 2003 dreht er mit „Osama“ den ersten afghanischen Spielfilm seit dem Ende Taliban-Regimes. Seit 2003 leitet er zudem ACEM, eine Organisation, die versucht, Kinder an literarische, kulturelle und künstlerische Bereiche heranzuführen. Dies ist für ihn von besonderer Priorität, weil die meisten Kinder ihrer Kindheit beraubt wurden und nachhaltig traumatisiert sind.
Die Hauptdarstellerin
Die jugendliche Hauptdarstellerin Marina Golbahari ist 1991 im Norden Kabuls geboren. Wie sämtliche Schauspieler in „Osama“ ist sie Laiendarstellerin. Sie stammt aus einer sehr armen Familie und wurde von der Straße weg von Siddiq Barmak für die Hauptrolle engagiert. Seit ihrer Rolle in „Osama“ hat sie den Wunsch, einmal Schauspielerin zu werden. Darum geht sie in einem Zentrum für Straßenkinder in Kabul zur Schule. Die heute Dreizehnjährige lernt dort Lesen und Schreiben.
Länderinformation Afghanistan
Einwohner: circa 27 Millionen
Amtssprachen: Paschtu und Dari
Bevölkerung: Paschtunen, Tadschiken, Hesoren (mongolstämmig), Usbeken, Aimak, Nuristanis, Balutschen, Turkmenen, Kirgisen und andere
Analphabeten: 71 %
Durchschnittliche Lebenserwartung: zwischen 45 und 47 Jahren
Säuglingssterblichkeit: 15 %
Durchschnittliches Jahreseinkommen: 550 €
Kosten für eine winterfeste Behausung: 600 €
Politik:
Afghanistan hat sich kürzlich auf eine demokratische Verfassung geeinigt und wird im Sommer eine Regierung wählen, in der alle Ethnien, inklusive integrationswilliger Taliban vertreten sind. Dort wird es zumindest verfassungsmäßig gleiche Rechte für Frauen geben. Inwieweit diese in den ländlichen Regionen durchsetzbar sein werden, ist fraglich.
Afghanische Frauen haben in der Vergangenheit durchschnittlich sechs Kinder geboren, das ist einer der Gründe, warum fast die Hälfte aller Afghanen unter 15 Jahre alt sind. Rund ein Drittel der ursprünglichen Bevölkerung befand sich während der Zeit des Taliban-Regimes im Exil. Viele von ihnen kehren jetzt zurück. Für den Zeitraum 2003 – 2004 hat die EU insgesamt 400 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereitgestellt. Doch das Geld wird nicht nur in den Aufbau investiert, sondern auch in den Abbau. Allein 13 Millionen Euro werden für die Räumung von Landminen eingesetzt.
Bewertung des Films
Aus den genannten Fakten ist ersichtlich, dass man einen solchen Film nicht nach den üblichen Kriterien der Filmkritik beurteilen kann. Mit einem Budget von lediglich 310.000 US Dollar ist Siddiq Barmak jedoch ein Werk gelungen, dass an Intensität und Echtheit seines gleichen sucht. Obwohl es sich um einen sogenannten Spielfilm handelt, ist er von größter dokumentarischer Genauigkeit. Mit diesem Film arbeitet ein Land eine Vergangenheit auf, dessen Kultur lange Zeit mit Füssen getreten wurde. Es ist ein Film, der religiöse Verblendung zeigt, ohne zu polemisieren. Er zeigt aber eindrücklich die fatalen Folgen, die sie für den einzelnen Menschen hat. Auch wenn der Film traurig endet, so ist die Tatsache seiner Existenz doch eine erfreuliche. Dies wurde auch in Cannes anerkannt, wo der Film 2003 die Besondere Erwähnung der Camera-d’Or-Jury erhielt. Dazu kamen der Preis der Französischen Arthouse-Kinos sowie die Fellini-Medaille der UNESCO für die Regieleistung. In den USA erhielt „Osama“ eine Nominierung für den Golden Globe 2004.
h.f. - red / Januar 2004
Mehr Info unter www.osama-derfilm.de
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